Marianne

„Ich habe mich wieder getraut“

 

Ich heiße Marianne und bin 72 Jahre alt. Seit einigen Jahren lebe ich mit einem Herzschrittmacher. Am Anfang war ich sehr unsicher. Ich habe oft in mich hineingehorcht, jede Bewegung vorsichtig gemacht und mich gefragt, ob ich meinem Körper überhaupt noch vertrauen kann.

Besonders schwer fiel mir der Gedanke, wieder allein unterwegs zu sein. Früher bin ich gern spazieren gegangen, habe kleine Ausflüge gemacht und mich mit Freundinnen im Café getroffen. Nach der Schrittmacher-Operation war da plötzlich diese Angst: Was ist, wenn unterwegs etwas passiert?

Ein Erlebnis hat für mich alles verändert.

Meine Enkelin hatte mich zu ihrer kleinen Schulaufführung eingeladen. Sie hatte wochenlang geübt und mir immer wieder erzählt, wie sehr sie sich wünscht, dass ich dabei bin. Innerlich wollte ich unbedingt hin. Gleichzeitig war ich nervös. Der Weg dorthin, die vielen Menschen, die Aufregung — all das fühlte sich für mich zunächst zu viel an.

Am Tag der Aufführung stand ich lange vor meinem Kleiderschrank. Ich hatte meine Tasche schon gepackt, mein Handy geladen und den Schrittmacherausweis eingesteckt. Trotzdem zögerte ich.

Dann dachte ich mir: Ich habe diesen Herzschrittmacher bekommen, damit ich mein Leben weiterleben kann — nicht, damit ich mich davor verstecke.

Also bin ich losgegangen.

Schon auf dem Weg zur Schule merkte ich, dass ich ruhiger wurde. Ich ging langsam, aber sicher. Mein Herz schlug gleichmäßig, und mit jedem Schritt bekam ich ein kleines Stück Vertrauen zurück.

Als ich in der Aula saß und meine Enkelin mich entdeckte, winkte sie mir mit so einem großen Lächeln zu, dass mir sofort die Tränen kamen. In diesem Moment war alles andere vergessen. Die Angst, die Unsicherheit, die vielen Gedanken der letzten Monate — plötzlich waren sie ganz klein.

Nach der Aufführung lief sie zu mir, umarmte mich und sagte: „Oma, du bist wirklich gekommen.“

Dieser Satz hat mich tief berĂĽhrt.

Auf dem Heimweg fĂĽhlte ich mich anders. Nicht mehr zerbrechlich. Nicht mehr nur wie eine Patientin. Sondern wieder wie ich selbst.

Natürlich bin ich weiterhin aufmerksam. Ich gehe zu meinen Kontrollen, trage meinen Schrittmacherausweis bei mir und nehme Warnzeichen ernst. Aber ich habe gelernt: Vorsicht ist gut — Angst soll nicht mein Leben bestimmen.

Heute gehe ich wieder regelmäßig spazieren. Ich treffe mich mit meinen Freundinnen, kaufe selbst ein und plane sogar einen kleinen Wochenendausflug mit meiner Familie.

Mein Herzschrittmacher erinnert mich nicht daran, was nicht mehr geht.